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Redewendungen und ihre Herkunft: Was hinter unseren Sprichwörtern steckt

Kerbholz, Holzweg, durch die Lappen: Woher unsere Redewendungen kommen, warum sie ihre Welt überdauern und wie man sie im Text richtig dosiert.

Aufgeschlagenes altes Buch bei Kerzenlicht – Redewendungen als Sprachgeschichte
Kurze Antwort

Redewendungen sind feste Wortverbindungen, deren Gesamtbedeutung sich nicht aus den Einzelwörtern erschließt – wer „etwas auf dem Kerbholz hat“, besitzt kein Holz, sondern Schulden. Hinter fast jeder dieser Wendungen steckt ein Stück Alltagsgeschichte: aus Handwerk, Jagd, Seefahrt oder der Bibel.

Was Redewendungen sind – und was nicht

Die Sprachwissenschaft nennt sie Phraseologismen oder Idiome: Wortgruppen, die als Ganzes gespeichert und verstanden werden. Davon zu unterscheiden ist das Sprichwort, das als vollständiger Satz eine Lebensweisheit formuliert („Wer rastet, der rostet“). Die Redewendung dagegen ist ein Baustein, der sich in Sätze einfügt: jemandem einen Bären aufbinden, ins Gras beißen, auf dem Holzweg sein.

Der Bestand ist gewaltig: Der Duden-Band „Redewendungen“ (Band 11, aktuelle Auflage 2020) verzeichnet über 18.000 feste Wendungen der deutschen Gegenwartssprache. Ein Großteil davon wird täglich benutzt, ohne dass irgendwer über die wörtliche Bedeutung nachdenkt – genau daran erkennt man ihre Reife.

Vier Herkunftsgeschichten, die man kennen sollte

Die schönsten Etymologien führen mitten ins Alltagsleben vergangener Jahrhunderte:

  1. Etwas auf dem Kerbholz haben: Bis in die Neuzeit ritzten Wirte und Händler Schulden in ein längs gespaltenes Holzstück – je eine Hälfte für Gläubiger und Schuldner. Wer viele Kerben hatte, hatte viel offen.
  2. Auf dem Holzweg sein: Holzwege sind Forstpfade, die nur zum Abtransport von Holz angelegt wurden. Sie führen in den Wald – und dann nirgendwohin. Wer ihnen folgt, hat sich verlaufen.
  3. Durch die Lappen gehen: Bei Treibjagden spannten Jäger Stoffbahnen zwischen die Bäume, um das Wild zu lenken. Ein Tier, das die Absperrung durchbrach, war verloren – es ging buchstäblich durch die Lappen.
  4. Perlen vor die Säue werfen: Ein Bibelzitat aus der Bergpredigt. Prägend für den deutschen Wortlaut wurde Luthers Übersetzung des Neuen Testaments von 1522, aus der Dutzende heutige Wendungen stammen – vom „Buch mit sieben Siegeln“ bis zum „Wolf im Schafspelz“.
Infografik: Vier Redewendungen und ihre Herkunft – Kerbholz, Holzweg, durch die Lappen gehen, Perlen vor die Säue
Vier Wendungen, vier Ausflüge in den Alltag vergangener Jahrhunderte.

Warum Redewendungen überleben

Bemerkenswert ist, dass die Bilder ihre Welt überdauern. Kaum jemand hat je ein Kerbholz gesehen, eine Treibjagd mit Lappen erlebt oder einen Holzweg als solchen erkannt – die Wendungen funktionieren trotzdem. Der Grund: Sie werden als fertige Einheiten gelernt, wie Vokabeln. Ihre Anschaulichkeit macht sie unschlagbar effizient; „das geht sich nicht aus“, sagt der Österreicher, und ein ganzer Sachverhalt ist erledigt.

Sprachgeschichtlich sind viele Redewendungen nichts anderes als erstarrte Bilder – Metaphern, die so oft wiederholt wurden, bis das Bild verblasste. Wie diese Übertragung im Detail funktioniert, zeigt unser Grundlagentext zur Metapher. Und wer verstehen will, wie solche Figuren neben Anapher, Ironie und Hyperbel im großen Werkzeugkasten der Sprache stehen, findet im Überblick über die wichtigsten Stilmittel den Rahmen dazu.

Redewendungen richtig einsetzen

Im Text sind Redewendungen Würze, kein Hauptgericht. Drei Hinweise aus der Redaktionspraxis: Erstens sparsam dosieren – zwei Idiome pro Absatz wirken schnell nach Stammtisch. Zweitens nicht vermischen; wer „das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht“ schreibt, produziert eine unfreiwillige Stilblüte aus drei Wendungen. Drittens auf das Publikum achten: Regionale Wendungen wie „es geht sich aus“ verstehen 2026 zwar auch viele Deutsche dank Social Media, in internationalen Texten braucht es aber Alternativen. Und in formellen Texten – Bewerbung, Bescheid, wissenschaftliche Arbeit – haben saloppe Idiome grundsätzlich wenig verloren; dort zählt präzise Sachsprache, inklusive korrekter Kommasetzung.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Redewendung und Sprichwort?

Das Sprichwort ist ein vollständiger, feststehender Satz mit Lebensweisheit („Morgenstund hat Gold im Mund“). Die Redewendung ist eine Wortgruppe, die erst im Satz ihren Platz findet („jemanden auf die Palme bringen“). Beide gehören zur Phraseologie.

Woher weiß man, was eine Redewendung ursprünglich bedeutete?

Sprachforscher werten historische Texte, Wörterbücher und Sachquellen aus – etwa Zunftordnungen oder Jagdliteratur. Bei vielen Wendungen ist die Herkunft gut belegt, bei manchen existieren mehrere Theorien, und Volksetymologien halten sich oft hartnäckiger als die belegte Erklärung.

Welche Rolle spielt Luther für unsere Redewendungen?

Eine gewaltige: Mit seiner Bibelübersetzung ab 1522 prägte Luther zahllose Wendungen, die bis heute laufen – „sein Licht unter den Scheffel stellen“, „mit Engelszungen reden“, „der Dorn im Auge“. Seine bildhafte, volksnahe Sprache machte die Übersetzung zum Stilvorbild.

Verstehen junge Menschen Redewendungen noch?

Die meisten ja, auch wenn einzelne Bilder verblassen und neue Idiome aus Internet und Popkultur nachrücken. Redewendungen entstehen und vergehen laufend – das war schon immer so und ist eher ein Zeichen lebendiger Sprache als ihres Verfalls.

Fazit

Redewendungen sind das kollektive Gedächtnis der Alltagssprache: In ihnen überwintern Kerbhölzer, Treibjagden und Bibelverse. Wer ihre Herkunft kennt, liest die eigene Sprache wie ein Geschichtsbuch – und wer sie sparsam und richtig einsetzt, gibt Texten Farbe, ohne ins Klischee zu kippen.

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