Österreichisches Deutsch ist eine eigenständige Varietät der deutschen Standardsprache – mit eigenem Wortschatz von Marille bis Paradeiser, eigener Amtssprache und eigenem Wörterbuch. Es ist kein Dialekt, sondern gleichberechtigtes Hochdeutsch mit rot-weiß-roter Färbung. Und es ist besser dokumentiert, als viele glauben.
Kein Dialekt, sondern Standard: der Status des österreichischen Deutsch
Deutsch ist eine plurizentrische Sprache: Deutschland, Österreich und die Schweiz pflegen jeweils eine eigene Standardvarietät. Für Österreich hält das seit 1951 das Österreichische Wörterbuch fest, das im Schulunterricht als verbindliche Referenz dient und in seiner 43. Auflage (2016) rund 100.000 Stichwörter verzeichnet. Ein „Jänner“ ist hierzulande also kein umgangssprachlicher Ausrutscher, sondern korrektes Amtsdeutsch – er steht in Gesetzen, Bescheiden und Schulbüchern.
Wie ernst Österreich seine Wörter nimmt, zeigte sich beim EU-Beitritt: Im Protokoll Nr. 10 zum Beitrittsvertrag von 1995 ließ die Republik 23 spezifisch österreichische Lebensmittelbezeichnungen völkerrechtlich absichern – von der Marille über den Paradeiser bis zum Kren. Seither dürfen diese Ausdrücke in EU-Rechtstexten gleichberechtigt neben den bundesdeutschen Varianten stehen.
Kleines Wörterbuch: die schönsten Austriazismen
| Österreichisch | Bundesdeutsch | Anmerkung |
|---|---|---|
| Marille | Aprikose | EU-geschützt, Wachauer Stolz |
| Paradeiser | Tomate | vom „Paradiesapfel“ |
| Erdapfel | Kartoffel | Lehnübersetzung von „pomme de terre“ |
| Topfen | Quark | auch im Schimpfwort „Topfen!“ (Unsinn) |
| Kren | Meerrettich | aus dem Slawischen entlehnt |
| Jänner | Januar | amtliche Monatsbezeichnung |
| Sessel | Stuhl | im Kaffeehaus sitzt man am Sessel |
| Sackerl | Tüte | samt „Sackerlmaut“ im Supermarkt |
| Jause | Brotzeit/Snack | vom slowenischen „júžina“ |
| heuer | dieses Jahr | praktisch und unübersetzbar knapp |

Warum es die Wörter gibt: Geschichte auf dem Teller
Viele Austriazismen erzählen Habsburger-Geschichte. Die Küche der Monarchie war ein Schmelztiegel: Der Paradeiser kam über den Balkan, das Gulasch aus Ungarn, der Powidl aus Böhmen, die Jause aus dem Slowenischen. Andere Ausdrücke bewahren älteres Deutsch, das nördlich des Mains verschwunden ist – „heuer“ etwa stammt vom althochdeutschen „hiu jāru“, „in diesem Jahr“. Wer heuer, also 2026, durch einen Wiener Markt geht, hört an den Standln ein Stück Sprachgeschichte.
Auffällig ist die Dichte im Kulinarischen: Faschiertes statt Hackfleisch, Obers statt Sahne, Semmel statt Brötchen, Fisolen statt grüner Bohnen. Das ist kein Zufall – Essen ist Alltagskultur, und Alltagskultur konserviert Wörter am zähesten.
Zwischen Stolz und Druck: die Zukunft der Austriazismen
Sprachforscher beobachten seit Jahren, dass einzelne Austriazismen unter Druck geraten – durch bundesdeutsche Medien, Streamingdienste und synchronisierte Serien. Manche Wörter verschieben sich vom aktiven in den passiven Wortschatz: verstanden werden sie noch, verwendet seltener. Zugleich wächst das Selbstbewusstsein: Regionale Küche, Kabarett und Literatur setzen Austriazismen gezielt als Markenzeichen ein.
Für Schreibende sind sie ohnehin ein Geschenk: Ein präzise gesetzter Austriazismus verankert einen Text sofort im Land, gibt ihm Stimme und Wärme – ein Effekt, der mit klassischen Stilmitteln allein schwer zu erreichen ist. Wichtig ist nur das Publikum: Ein deutscher Leser stolpert über „Fisolen“, verstehen darf er sie trotzdem. Und wer wissen will, wie Wörter überhaupt einwandern und heimisch werden, findet in der Geschichte der Fremdwörter im Deutschen das große Gegenstück zur österreichischen Sonderroute.
Häufige Fragen
Ist österreichisches Deutsch ein Dialekt?
Nein. Österreichisches Deutsch bezeichnet die österreichische Standardvarietät – also das Hochdeutsch, das in Ämtern, Schulen und Medien verwendet wird. Die Dialekte (Wienerisch, Tirolerisch, Vorarlbergisch) existieren zusätzlich darunter.
Welche Wörter sind durch die EU geschützt?
Das Protokoll Nr. 10 zum EU-Beitrittsvertrag von 1995 listet 23 Lebensmittelbezeichnungen, darunter Marille, Paradeiser, Erdapfel, Topfen, Kren, Obers und Faschiertes. Sie dürfen in EU-Rechtsakten gleichberechtigt verwendet werden.
Sagt man in Österreich wirklich nie „Januar“?
„Jänner“ ist die amtliche und allgemein übliche Form, „Januar“ wird aber selbstverständlich verstanden und taucht in überregionalen Kontexten gelegentlich auf. Umgekehrt gilt: Wer in Österreich „Jänner“ schreibt, schreibt korrekt.
Verschwinden die Austriazismen durch Internet und Streaming?
Einzelne Ausdrücke geraten unter Druck, vor allem bei Jüngeren. Von einem Verschwinden kann aber keine Rede sein: Kernwörter wie Marille, Jause, Semmel oder heuer sind stabil, und in Küche, Literatur und Werbung werden Austriazismen bewusst gepflegt.
Fazit
Österreichisches Deutsch ist gelebte Sprachgeschichte mit amtlichem Segen: eigenes Wörterbuch, EU-geschützte Begriffe, unverwechselbarer Klang. Wer Marille, Paradeiser und heuer selbstverständlich verwendet, spricht kein schlechteres Deutsch – sondern ein besonders gut dokumentiertes.

